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16.03.2018 14:27 Alter: 268 days

BBS Erasmusprogramm Norwegen - Bereich Gastronomie


Mit dem Erasmusprogramm  Mobility of staff in Vocational Education and Training besuchten  Herr Stumpf und ich eine Woche lang eine  Berufsschule in Norwegen. Wir waren Gäste der Schule De ole Vig  in Stjørdal, einer Kleinstadt der Kommune Trøndelag, oberhalb von Trondheim.

Bei eisiger Kälte bis minus 16°C war es ein erlebnisreicher Aufenthalt  in einer perfekt ausgestatteten Schule mit etwa 1300 Schülerinnen und Schülern sowie etwa 240 Lehrkräften und nichtlehrendes Personal. Auch architektonisch und konzeptionell war das Schulzentrum voller Überraschungen, die man in dieser Größe und dieser Perfektion in einer eigentlich strukturschwachen, ländlichen Region gar nicht erwarten konnte. Der helle, hohe  lichtdurchflutete Bau bietet jedem Team im Haus eine perfekt ausgestattete Abteilung, die wie bei uns den Arbeitsbereich der einzelnen Schulteams bildet. Besonders die Ausstattung der Werkstätten war überwältigend.

Für alle Lehrkräfte gibt es Arbeitsbereiche mit Rechnern und zahlreiche Räume für die Teamarbeit. Die Lerngruppen sind mit 15-20 Schülerinnen und Schülern eher klein. Moderne Medien (Kurzdistanzbeamer, Interaktive Tafeln…) und W-LAN gibt es in jedem Raum. Die Schülerinnen und Schüler  erhalten zu Beginn der Ausbildung einen Laptop. 

Für das soziale Miteinander wird an der Schule sehr viel investiert. Alle Aufenthaltsbereiche sind großzügig  ausgestattet. Zu jeder Tageszeit findet man Schüler- und Lehrkräfte, die in Teams zusammenarbeiten oder konzentriert  für sich arbeiten. Es gibt ein Bistro im Haus und eine große offene Bibliothek. In das Gebäude ist ein Sportzentrum integriert mit einer riesigen Sporthalle, die in vier Viertel unterteilt werden kann und sogar eine große Zuschauertribüne bietet, so dass sie auch für große Sportveranstaltungen, wie die Spiele der Handballnationalmannschaft genutzt werden kann.  Sowohl für die Lehrkräfte als auch für die Schülerinnen und Schüler gibt es ein modern ausgestattetes Fitnessstudio, das vergleichbar mit unserem Vitadrom in Soltau ist und bei der Gerätevielfalt keine Wünsche offen lässt.  Die Geräte können von Lehrkräften auch während Unterrichtspausen und Springstunden genutzt werden.

Beindruckend waren die freundliche Atmosphäre im Haus und der kooperative Umgang zwischen Lehrkräften untereinander, sowie im Umgang mit den Schülerinnen und Schülern. Im Haus war keine Hierarchie zu spüren. Die Teamstruktur und der Teamgeist bildete das Strukturprinzip des Zusammenlebens und –lernens in dieser Schule.  Im Austausch mit Ole Morten Hammer, der einer von 7 Abteilungsleitern in der Schule ist und die Bereiche Gastronomie und die Alternative Ausbildung  (Inklusion) koordiniert, wurden mir zahlreiche Unterschiede zu meiner Arbeit deutlich. Ole Morton muss selbst nur 2 Stunden Sport unterrichten. Er kann bei Bedarf eine Klasse mit nur 15 Schülerinnen und Schüler zur individuellen Förderung in bis zu 5 Gruppen unterteilen, die dann jeweils von einer Lehrkraft betreut werden und einen eigenen Raum haben. Zur Not ist auch die Betreuung eines Schülers durch eine Lehrkraft möglich. Schülerinnen und Schüler mit einem sozialen, mentalen oder auch physischen Handicap können einen individuellen Stundenplan erhalten und auch einen individuellen Abschluss erzielen. Ein  Zertifikat weist die individuellen Kenntnisse und Fähigkeiten des Absolventen am Ende der Ausbildung aus. Ziel ist hier immer die Vermittlung an einen Arbeitgeber, um nach Möglichkeit die berufliche und soziale Selbstständigkeit des Einzelnen zu erreichen. Das Zusammenleben von Menschen mit und ohne Handicap ist an der Schule Alltag und wird von allen als bereichernd empfunden. 

Spannend war für mich die Frage, ob die Schule auch ihre Ergebnisse misst und bewertet und ob die Schule auch extern inspiziert und bewertet wird. Hier geht es den Norwegern wie uns. Zwischen den Schulen gibt es Wettbewerb und ein Ranking, es gibt die Schülerzufriedenheitsbefragung   und  die Lehrkräftezufriedenheitsbefragung. Wie auch in Deutschland gehen dort die Schülerzahlen zurück und es existiert eine Budgetabhängigkeit von der Auslastung der Schule. An der Schule gibt es ebenfalls Lehrkräfte, die lediglich Zeitverträge haben und deren Weiterbeschäftigung von Schülerzahlen abhängt. Dies führt wie bei uns zu intensiven Anstrengungen im Bereich der Berufsorientierung  und des Schulmarketings. Das Gastronomieteam zeigte hier ein bemerkenswertes Engagement. In der Zeit unseres Aufenthaltes wurde gleich zweimal LKWs beladen, um an einer Oberschule eine Werbeveranstaltung für die Gastronomieberufe durchzuführen.  Alles, von der Serviette bis zum Räucherofen wurde verpackt, um in den an jeder Schule vorhandenen hauswirtschaftlichen Küchen mit den eigenen Auszubildenden und den Schülerinnen und Schülern der Klassen 9 und 10 ein Menü  zuzubereiten und zu servieren.  Diese Veranstaltungen waren extrem arbeits- und zeitaufwändig, wurden aber von allen Beteiligten mit großem Engagement durchgeführt.   

Die Akquise neuer Schülerinnen und Schüler ist ein wichtiger Arbeitsschwerpunkt an der Schule.

Ein Zählen und Abrechnen der Arbeitszeit gab es hier nicht. 

Alles in allem war unser Aufenthalt in Norwegen eine beeindruckende Erfahrung. Natürlich waren wir von den dort zur Verfügung stehenden Ressourcen beeindruckt. Ich glaube aber nicht, dass sie allein die Qualität des norwegischen Schulsystems ausmachen. Wesentliche Faktoren sehe ich in der Arbeitsorganisation und der sozialen Rolle der Lehrkräfte in der Schule. Die Lehrkräfte erteilen 21 Stunden Unterricht in der Woche. Die Unterrichtsvorbereitung und die Teamabsprachen finden aber überwiegend in der Schule statt. Die Lehrkräfte sind in der Kernzeit präsent. Die Teams sind in hohem Maße autark und selbstorgansiert. Zwischen Schulleitung, Kollegium und auch zwischen Lehrkräften und Schülern besteht ein freundliches, wertschätzendes, kooperatives Verhältnis. Hier war kaum eine Hierarchie zu spüren. Ole Morton Hammer, unser Ansprechpartner in der Schule,  berichtete mir, dass das wesentliche Element für den Erfolg des Unterrichts, ja der norwegischen Gesellschaft insgesamt, das Vertrauen „Trust“ ist, das man sich in allen Lebensbereichen, auch in der Schule entgegen bringt. „Die Haustüren in Norwegen müssen nicht abgeschlossen werden, Fundsachen in der Schule werden abgegeben, Unterschiedlichkeit führt nicht zur Ausgrenzung,  Touristen, die nach Norwegen kommen fühlen sich sicher… „ um nur einige seiner Beispiele zu nennen.   

Wir haben dieses Vertrauen und die Zuwendung, die auch uns als Gästen entgegen gebracht worden ist, sehr genossen und haben in Norwegen Freunde gefunden, die wir gerne zu einem Gegenbesuch an unsere Schule eingeladen haben.